Was untersucht die Gütekraft-Forschung?  
Zusammenfassung
Dieser „Basistext“ ist als grundlegend für die Gütekraft-Forschung gedacht. Die Arbeitsgruppe Gütekraft beschreibt mit ihm das Forschungsfeld, den Gegenstand und den Ansatzpunkt für eine bestimmte Blickrichtung zur Erforschung der Gütekraft. Grundlage dafür sind drei europäische Erfolgsbeispiele sowie drei Konzepte gewaltloser bzw. gütekräftiger Konfliktaustragung („Gütekraft“, „Gütekraft + Druck“, „gewaltloser Zwang“) und eine Definition gütekräftigen Verhaltens.
1. Einleitung

1.1. Adressaten, Problem und Forschungsinteresse
Dieser „Basistext“ ist als grundlegend für die Gütekraft-Forschung gedacht. Die Arbeitsgruppe Gütekraft wendet sich mit ihm vorrangig an wissenschaftlich Tätige und an alle Interessierten mit der Einladung, beim Erkenntnisgewinn auf einem wichtigen und interessanten Feld mitzuwirken.
Gewalt ist als Konfliktaustragungskonzept aus mehreren Gründen problematisch, u.a. deshalb, weil ihre Anwendung häufig die Tendenz zur Gegengewalt erzeugt, so dass sie leicht in eine zerstörerische Spirale von Gewalt und Gegengewalt münden kann.
Gütekraft-Forschung soll Möglichkeiten aufzeigen zur Prävention, Verminderung und Beendigung von Gewaltprozessen, zur Deeskalation destruktiv verlaufender Konflikte, zur Versöhnung und zum Neuaufbau durch destruktive Konflikte geschädigter Gesellschaften.
Inhaltlicher Ausgangspunkt der Gütekraft-Forschung ist die Vermutung, dass bestimmte Kommunikationsweisen bei der Austragung von Konflikten bessere Ergebnisse für die Kon-fliktparteien und für die Gemeinschaft, in der sie leben, zeitigen als andere.
Geschichtliche und persönliche Erfahrungen vieler Menschen in verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen bieten bemerkenswerte Beispiele von Konfliktaustragungskonzepten, etwa (um nur die beiden bekanntesten zu nennen) mit Mohandas K. Gandhi in Südafrika und Indien, von dem die führenden Akteure in zwei der unten aufgeführten Beispiele beeinflusst waren, und mit Martin Luther King in den USA. Bisher sind diese Konzepte, meist “gewaltfrei” genannt, nur begrenzten Kreisen gut bekannt und sie werden mit verschiedenen Bezeichnungen und auf verschiedenen Verstehenshintergründen, sozu-sagen in verschiedenen Sprachen (Diskursen) weitergegeben (Quäker: Verändernde Kraft, Martin Luther King: strength to love, Mohandas K. Gandhi: Satjagrah; zu weiteren Bezeichnungen s.u. 3.1.2.1.). Die Gütekraft-Forschung will eine allgemein plausible Darstellung dieser Konzepte ermöglichen, indem sie sie zusammenbringt, prüft und weiterentwi-ckelt. So soll ein Beitrag geleistet werden zur vielleicht überlebenswichtigen Erweiterung von Konfliktkompetenzen in Gesellschaft und Politik, wie es die Vereinten Nationen und der Weltkirchenrat anstreben in der Dekade 2001 bis 2010 „zur Überwindung von Gewalt - für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder der Welt“: Es sollen Möglich-keiten aufgezeigt werden weg von der verbreiteten Neigung Gewalt anzuwenden mit der Ge-fahr der Abwärtsspirale in die Destruktion hin zu einer ”Spirale der Gütekraft” (Robert An-toch), zu Wegen aus Teufelskreisen hin zu ”Engelskreisen” (Dieter Senghaas).
1.2. Aufbau
Die Titelfrage ”Was untersucht ...?” kann als Frage nach dem Forschungsfeld, auf dem etwas zu finden sei, oder nach dem Forschungsgegenstand oder auch im Sinne einer spezifischen Fragestellung, mit der auf einem Feld geforscht wird (im Sinne von ”was sucht....?”), verstanden werden. Dieser Text gibt Antworten auf alle drei Fragen.
Beispiele sollen zunächst Vorstellungen davon ermöglichen, was gemeint ist.
Die Sache, um die es geht, wird nicht nur in den verschiedenen Bereichen, wo sie praktisch vorkommt, unterschiedlich wahrgenommen und gedeutet, sondern sie ist selbst vielschichtig. Um sie zu erfassen, bedarf es unterschiedlicher methodischer Herangehensweisen sowie der - möglichst gemeinsamen - Anstrengung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen. Die Arbeitsgruppe Gütekraft legt deshalb sowohl eine Beschreibung des Forschungsfeldes vor (3.1.) und zeigt damit den Ansatzpunkt für eine bestimmte Blickrichtung zur Erforschung der Gütekraft auf (3.2.), als auch eine Kurzbeschreibung des Forschungsgegenstands mit einer Definition gütekräftiger Verhaltensweisen (3.3.).
1.3. Gütekraft: nicht definiert
Friedemann Schulz von Thun: "An dem So-Sein des anderen, auf das wir re-agieren, sind wir immer schon auslösend beteiligt - und umgekehrt. Das ist das Wechselspiel-Mysterium jeder zwischenmenschlichen Beziehung, deren Dynamik sich kausal nicht rekonstruieren lässt."
In einigen Bereichen gütekräftiger Praxis wird mit der Gütekraft (meist bisher unter anderen Bezeichnungen) gerechnet, sie wird erlebt, aber zugleich gibt es die Anschauung, sie sei nicht berechenbar, in ihr spielen Momente der Unberechenbarkeit eine Rolle, die sach- oder systembedingt nicht hintergehbar seien, und sie sei nicht im landläufigen Sinn wissenschaftlich erfassbar oder auch nur definierbar.
Eine Definition der Gütekraft im strengen Sinn legt die Arbeitsgruppe Gütekraft hier nicht vor. Die Kurzbeschreibung genügt mit ihrer Definition gütekräftiger Verhaltensweisen (nicht der Gütekraft) den Anforderungen der Sozialpsychologie an die Beschreibung des For-schungsgegenstands. Ob es gelingen wird, die Gütekraft selbst angemessen zu definieren, muss dem Forschungsprozess überlassen bleiben. Vielleicht ist dieses Anliegen auch nicht wichtig, denn:
1.4. Gütekraft-Forschung ist praxisorientiert.
Dies gilt in mehrfacher Hinsicht:
- Vorrangiges Ziel ist die Verbesserung der Praxis im Konfliktverhalten von Einzelnen, in der Gesellschaft und der Politik. Auch wenn Gütekraft-Forschung teilweise an Grundlagen-forschung heranreicht, hat sie kein rein akademisches Ziel. Daher ist vorgesehen, dass auf die erste Stufe, Forschung, eine weitere Stufe zur Verbreitung der wichtigsten Ergebnisse aufbaut.
- Die Erfahrungen mit gütekräftigem Vorgehen bilden die wichtigste empirische Datenba-sis aus der Praxis für die Forschung.
- Letzter Maßstab für die Anwendbarkeit von Forschungsergebnissen muss die Praxis sein: Was sich bewährt, kann gelten. Ein Vorbild dafür gab Mohandas K. Gandhi mit seinen ”Ex-perimenten mit der Wahrheit”. Solche Experimente kann jede und jeder machen. Inzwischen liegen viele und vielfältige Erfahrungen mit gütekräftiger Praxis und damit ein breiter Datenschatz (der allerdings gehoben und gesichert werden muss) vor, der auch für akademische Herangehensweisen, die die Bearbeitung weitergehender Fragestellungen ermöglichen, zur Verfügung ist.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Im Folgenden sind die Beschreibungen von Verhaltenskonzepten nicht als Handlungsanweisungen, nicht als normativ zu lesen, auch wenn sie in einigen Teilen leicht so aufgefasst werden könnten; sondern sie stellen in diesen Teilen das Selbstverständnis von Akteuren und darauf bezogene Aktivitäten dar, weil das Selbstverständnis und die Aktivitäten zu Gegenständen der Forschung werden können.
Im vorliegenden Basistext werden zwar einige mögliche Forschungsfragen oder -bereiche erwähnt (Kennzeichnung durch senkrechten Strich am rechten Rand). Eine systematische Liste von Forschungsprojekten zur Gütekraft wird jedoch extra erstellt.