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Seit Januar 1968 hatten die in Prag
regierenden Sozialisten versucht, in der Tschechoslowakei einen Sozialismus
mit menschlichem Gesicht, d.h. Mit bürgerlichen Freiheiten,
aufzubauen.
Am 21. August 1968 marschierten Panzertruppen aus der Sowjetunion, der
DDR, aus Polen, Ungarn und Bulgarien in die Tschechoslowakei ein mit dem
Ziel, diesen Prager Frühling zu beenden, die Regierung
zu stürzen oder auf einen der sowjetischen Führung in Moskau
genehmen Kurs zu bringen. Dagegen gab es gütekräftigen Widerstand,
der, obwohl die Tschechoslowakei in einem halben Tag von Panzern durchquert
werden kann, dazu führte, dass es den Truppen eine Woche lang nicht
gelang, ihr Ziel zu erreichen.
Die Entscheidung, nicht mit eigenem Militär den einrückenden
Truppen entgegen zu treten, wurde sehr bald gefällt. Der Widerstand,
den das Volk leistete, wurde zu großen Teilen über das Radio
angeleitet. Zunächst ging es um Zeitgewinn: Durch Sitzblockaden auf
Straßen wurden die Panzer bei der Überquerung der Karpaten
aufgehalten, auf dem Weg zur Hauptstadt wurden in Ortschaften die Schilder
nach Prag verdreht, so dass Truppenteile im Kreis durchs Land fuhren oder
sich plötzlich auf einem Holzweg im Wald wiederfanden. In Prag vermutete
man, dass die wichtigsten Führer Svoboda, Dubcek und Smrkowski festgenommen
werden sollten; zur Desorientierung der Truppen verdrehte man Straßenschilder
oder übermalte Hausnummern mit weißer Farbe und an Tausenden
von Wohnungsklingeln waren auf einmal diese Namen zu lesen. Im Untergrund
wurden Ersatzsender aufgebaut, die aktiv wurden, als die Truppen die Sendestation
erreicht und zum Schweigen gebracht hatten.
Am wichtigsten beim gütekräftigen Vorgehen ist der Kontakt mit
dem Gegner: Die einmarschierenden Soldaten wurden wo immer möglich
von der Bevölkerung in Gespräche verwickelt: Was wollt
ihr hier? Die meisten Soldaten wussten ihren Auftrag selbst nicht, anfangs
nicht einmal, wohin sie geführt worden waren. Es wurde ihnen von
dem neuen Sozialismus-Frühling begeistert erzählt, man diskutierte
auf der Straße. Dies führte dazu, dass sich die Führung
genötigt sah, nach zweieinhalb Tagen die Truppen auszuwechseln. Dies
wiederum hatte zur Folge, dass umso mehr Menschen aus den Einmarsch-Ländern
Authentisches über den Prager Frühling erfuhren, was ihnen die
staatlich gelenkten Medien verschwiegen hatten.
Der Widerstand der Tschechoslowaken war erfolgreich, solange er aufrecht
erhalten wurde. Nach einer Woche konnte sich Moskau durchsetzen, weil
der Widerstand aufgegeben wurde. Dies kam so: Die drei Führer flogen
freiwillig nach Moskau. Dort wurden sie getrennt und durch
psychische Druckmittel und Falschinformationen dazu gebracht, zur
Vermeidung massenhaften Blutvergießens eine Erklärung
zu unterschreiben, die sie sofort, als sie wieder nach Prag kamen, öffentlich
verlasen mit der Aufforderung an das Volk, den Widerstand zu beenden.
Der neue Kompromiss-Regierungschef Husak hörte auf Moskau,
Stück für Stück schränkte er die neu gewonnene Freiheit
wieder ein.
Autor: Martin Arnold
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